HaTachana HaRishona — Jerusalems Erster Bahnhof — ist einer der überraschendsten Kulturorte der Stadt: ein aufwendig restauriertes Ottomanisches Bahnhofsgebäude von 1892, das heute als Freiluft-Markt, Restaurantcluster und Konzertstätte im Herzen der Deutschen Kolonie funktioniert.
Für Reisende aus dem DACH-Raum hat dieser Ort eine besondere Resonanz: Die Deutsche Kolonie (Hamoshava HaGermanit) direkt nebenan wurde 1873 von württembergischen Templern gegründet — einem deutschen Erweckungsbewegungsmilieu, das im 19. Jahrhundert Siedlungen in ganz Palästina aufbaute. Die steinernen Fassaden mit deutschen Inschriften entlang der Emek-Refaim-Straße sind buchstäblich deutsches Erbe mitten in Jerusalem.
Geschichte: Die erste Eisenbahn der Levante
Die Jaffa-Jerusalem-Eisenbahn wurde 1892 fertiggestellt — die erste betriebene Eisenbahnlinie der gesamten Levante. Die osmanische Verwaltung vergab die Konzession an ein französisches Unternehmen, und die 87 km lange Strecke durch die judäischen Berge war eines der technisch anspruchsvollsten Bauprojekte der Epoche: Der finale Anstieg von Meereshöhe auf Jerusalems 800 m Höhe erforderte eine gewundene Bergstrecke, die die Reisezeit gegenüber der Luftlinie verdreifachte.
Die Jerusalemer Endstation wurde vom Ottomanischen Architekten Yusuf Eff. Tabari in einem funktionalen Kalksteinstil entworfen, der sich in das bestehende Stadtbild einfügte. Jahrzehnte lang diente er als Haupttor für Pilger, Händler und Beamte, die aus Jaffa — und jenseits Jaffas aus Europa — anreisten.
Der Bahnhof blieb bis 1998 in Betrieb. Nach Jahren des Leerstands schloss die Gemeinde Jerusalem 2013 eine sorgfältige Renovierung ab: Das Originalstongebäude wurde erhalten; in seinem Rahmen entstand ein zeitgenössisches Kulturprogramm.
Der Komplex heute
Das Ergebnis ist eine der durchdachteren Denkmalsanierungen Jerusalems. Die Steinmauern und der Bahnsteig sind intakt; Bahnhofsbeschilderungen aus der Eisenbahnzeit sind im Kontext erhalten. Die Gartenanlage nutzt das ursprüngliche Gleisbett als linearen Promenadenpfad.
Im Komplex zu finden:
- Wochenmarkt (Do + Fr): Frischprodukte, Käse, Wein, Olivenöl, Kunsthandwerk lokaler Hersteller; Freitagsmorgen besonders belebt
- Restaurants und Cafés: Mittel- bis gehobene Küche; koscher und nicht-koscher; Außensitzplätze auf dem Originalkalksteinbahnsteig unter alten Bäumen — eine der schönsten Mittagssituationen Jerusalems
- Freiluft-Bühne: Abendkonzerte und kulturelle Veranstaltungen, besonders im Sommer; aktuelle Programm unter firststation.co.il
- Mesila-Trailkopf: Der nördliche Startpunkt des 7-km-Eisenbahnbett-Wanderwegs nach Malha
Die Deutsche Kolonie: DACH-Verbindung
Die Emek-Refaim-Straße — einen kurzen Spaziergang vom Ersten Bahnhof — ist die Hauptader der Deutschen Kolonie. Ihre charakteristischen Steinhäuser mit (teils noch lesbaren) deutschen Inschriften wurden in den 1870er und 1880er Jahren von der Württembergischen Tempelgesellschaft errichtet: einer pietistischen Bewegung aus Schwaben, die im Heiligen Land Ackerbausiedlungen gründete und einen kollektiven Aufbruch ins Heilige Land unternahm.
Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurden die deutschen Templer von der britischen Mandatsverwaltung interniert und schließlich vertrieben; ihre Häuser gingen in israelischen Besitz über. Heute ist das Viertel ein weltliches Café- und Gastronomiequartier — aber die Architektur erzählt noch immer die Geschichte.
Für DACH-Reisende ist es das einzige Quartier Jerusalems, in dem man buchstäblich durch deutsches Kulturerbe spaziert.
Der Mesila-Trail
Der Park HaMesila (Eisenbahnpark) beginnt am Ersten Bahnhof und führt 7 km südwärts auf dem Originalgeleisbett der 1892er Jaffa-Jerusalem-Bahn. Die Route ist:
- Rollstuhlgerecht und vollständig geteert
- Beleuchtet für Abendnutzung
- Barrierefrei für Kinderwagen und Fahrräder
- Unterwegs durch Baka, Katamon und das arabisch-israelische Beit Safafa — Jerusalem-Viertel, die kein Stadtführer zeigt
Eine kombinierte Besichtigung — Marktfrühstück am Ersten Bahnhof, dann Mesila-Wanderung südwärts — ist eine der authentischsten Möglichkeiten, das lebende Jerusalem abseits der überfüllten Altstadt zu erleben.
Praktisches
Schabbat beachten: Der Markt schließt Freitagmittag. Restaurants im Komplex sind Samstag je nach Kashrut-Status teilweise geöffnet — auf firststation.co.il prüfen. Anreise freitagabends nicht planbar, wenn das Ziel der Markt ist.
Timing: Freitagsmorgen 09:00–12:00 ist die lebhafteste Marktzeit. Donnerstagabend 17:00–20:00 eignet sich für Konzerte und Abendessen; weniger überfüllt als der Freitagsmarkt.
Kombination mit der Altstadt: 15 Minuten zu Fuß oder 10 Minuten per Taxi bis zum Jaffator. Der Erste Bahnhof lässt sich gut als Abschluss einer Altstadtbesichtigung einbauen — ruhiger, schattiger, und mit besserer Küche als die meisten Optionen innerhalb der Stadtmauern.
Weiterführend: 1-Tages-Jerusalem-Itinerar · Ausflüge von Jerusalem · Mahane-Yehuda-Markt · Schabbat in Israel · Ein Kerem Jerusalem