Der Jerusalem Wanderweg (Shvil Yerushalayim, שביל ירושלים) ist ein markierter 42-km-Rundwanderweg, der Jerusalem vollständig umrundet — der einzige Rundweg dieser Art um eine israelische Stadt. Er durchläuft eine geschichtete Abfolge von Landschaften, die die Geschichte der Stadt widerspiegeln: bewaldete Westhügel mit dem alten Dorf Ein Kerem, ein südlicher Kamm mit Blick auf die Judäischen Berge Richtung Bethlehem, der östliche Steilhang des Ölbergs über dem Kidrontal und der nördliche Bogen durch Stadtquartiere bis Ammunition Hill. Die meisten Wanderer absolvieren die vier Tagesetappen einzeln; erfahrene Bergwanderer kombinieren zwei Abschnitte pro Tag und beenden die Runde in zwei Tagen.
Für DAV-Mitglieder und Weitwanderer aus der DACH-Region bietet der Jerusalem Wanderweg eine unerwartete Parallele zu alpinen Mehrtagestouren — ähnlicher Zeitaufwand und Höhenprofil wie ein mittlerer GR-Abschnitt, aber in einem mediterranen Landschaftsraum mit 3.000 Jahren Geschichte in Sichtweite von jedem Kamm.
Die vier Etappen im Überblick
| Etappe | Strecke | Distanz | Höhenmeter | Schwierigkeit |
|---|
| 1 – West | Yad Vashem → Ein Kerem → Ora | ~10 km | ~350 m | Leicht–Mittel |
| 2 – Süd | Ora → Har Gilo → Ramat Rachel | ~11 km | ~400 m | Mittel |
| 3 – Ost | Ramat Rachel → Abu Dis → Augusta Victoria | ~11 km | ~300 m | Mittel |
| 4 – Nord | Augusta Victoria → Ammunition Hill → Givat Hamivtar | ~10 km | ~200 m | Leicht–Mittel |
Distanz und Höhenmeter sind Schätzwerte. Aktuelle Bedingungen und etwaige Umleitungen auf hike-israel.com prüfen.
Etappe 1: Yad Vashem → Ein Kerem → Ora (Westhügel)
Die westliche Etappe ist die bewaldete und landschaftlich sanfteste Einführung in den Weg. Sie beginnt am Holocaust-Gedenkzentrum Yad Vashem am Westhang des Herzl-Bergs, steigt durch die Allee der Gerechten unter den Völkern hinab und taucht ins Ein Kerem-Tal ein — ein Steindorf mit byzantinischen Kirchen und osmanischen Häusern, das Jerusalems moderner Expansion weitgehend unbeschadet entgangen ist. Johannes der Täufer wurde hier laut Überlieferung geboren; die Franziskaner-Visitationskirche und die Johanneskirche befinden sich beide in den terrassierten Gassen des Dorfs.
Von Ein Kerem steigt der Weg westwärts durch den Jerusalemer Wald — Eukalyptus und Kiefern über alten Steinterrassen — bevor er beim landwirtschaftlichen Weiler Ora ins Freie tritt. Der Waldabschnitt ist schattig und still; frühe Morgenstarts bieten oft Sichtungen von Hirschen und Füchsen.
Anreise: Busse 23/24/27 vom Zentralbus-Bahnhof Jerusalem bis zur Haltestelle Yad Vashem, oder kurze Weiterfahrt vom Stadtbahn-Halt Yad Vashem. Viele Wanderer besuchen Yad Vashem zuerst und beginnen am selben Tag mit der Wanderung — der Startpunkt liegt unmittelbar neben dem Gedenkzentrum.
Etappe 2: Ora → Har Gilo → Ramat Rachel (Südkamm)
Die südliche Etappe folgt dem Kamm über den südwestlichen Rand Jerusalems mit einigen der weitesten Panoramen des Wegs. Von Ora steigt die Route zum Har-Gilo-Kamm auf — dem höchsten Punkt des Wegs auf etwa 900 m — mit ununterbrochenem Blick über die terrassierten Judäischen Berge Richtung Bethlehem und Beit Jala. Bei klarem Wetter (Oktober–April) ist das Tote Meer im Osten sichtbar.
Der Kamm fällt graduell zum Kibbuz Ramat Rachel ab, einem aktiven Kibbuz am Südrand Jerusalems, der seit den 1920er Jahren ununterbrochen besteht und eine bekannte Schlacht im Unabhängigkeitskrieg 1948 überstand. Der Kibbuz hat ein kleines Museum, ein Café und Unterkunft — eine nützliche Zwischenstation für Wanderer, die die südlichen Abschnitte auf zwei Tage aufteilen.
Hinweis zur Sperranlage: Diese Etappe verläuft entlang, aber nicht durch die Sperranlage. Die Markierungen bleiben eindeutig auf israelischer Seite — folgen Sie ausschließlich dem markierten Weg in diesem Abschnitt.
Etappe 3: Ramat Rachel → Abu Dis → Augusta Victoria (Osthang)
Die östliche Etappe ist geografisch die spektakulärste. Von Ramat Rachel steigt sie nordwärts über den Abu-Dis-Steilhang — ein schroffer Absturz mit der Judäischen Wüste, die abrupt nach Osten abfällt, dem Kidrontal in der Tiefe und der Altstadt in Sichtweite auf der anderen Seite. Die Silhouette des Ölbergs (der Turm der Russisch-Orthodoxen Himmelfahrtskirche und das Seven Arches Hotel) ist ein ständiger Orientierungspunkt.
Die Etappe endet bei Augusta Victoria — dem deutschen Hospiz- und Krankenhauskomplex aus dem frühen 20. Jahrhundert auf dem Ölbergkamm. Der Komplex ist für Besucher zugänglich; der Turm bietet einen schönen Blick über die Stadt. Gethsemanegarten, Felsendom und die Klagemauer-Esplanade sind alle vom Kammweg aus sichtbar — eine Perspektive, die die verdichtete Geografie der Stadt plötzlich lesbar macht.
Etappe 4: Augusta Victoria → Ammunition Hill → Givat Hamivtar (Nordbogen)
Die nördliche Etappe ist die urbanste und durchquert die ausgebauten Nordquartiere Jerusalems. Von Augusta Victoria steigt sie zum Mount-Scopus-Kamm (Hebräische Universität und Hadassah-Krankenhaus) hinab, traversiert den gemischten Stadtteil Shuafat und endet bei Givat Hamivtar nahe dem Ammunition-Hill-Quartier.
Ammunition Hill (Givat HaTachmoshet) war der Schauplatz einer der intensivsten Schlachten des Sechstagekriegs 1967; heute ist es ein erhaltenes Gedenkgelände mit den originalen Schützengräben und einem Museum. Die Schlucht um den Hügel gab Israel die Kontrolle über die Nordroute zur Altstadt. Es ist ein nüchterner und historisch dichter Abschluss der Runde — die meisten Wanderer steigen anschließend am Stadtbahn-Halt Ammunition Hill ein.
Markierung und Navigation
Der Jerusalem Wanderweg nutzt das israelische Standardsystem: abwechselnde grün-weiß-blau gestrichene Streifen, auf Augenhöhe auf Felsen, Mauern, Zaunpfählen und Bordsteinen in Abständen von ca. 100 m. Das System entspricht dem des Israelischen Nationaltrails (rot-weiß-blau) und des Jesus Trail (blau). Im Wald erscheinen Markierungen auf Bäumen und Felsen; in städtischen Abschnitten auf Mauern und Bordsteinkanten.
Die Hike Israel App (iOS und Android) bietet eine Offline-Karte mit GPS-Markierungen — besonders empfohlen für die urbanen Abschnitte von Etappe 4, wo das Markierungsbild weniger dicht ist.
Wann wandern
| Saison | Bedingungen | Empfehlung |
|---|
| März–Mai | Frisch, Wildblumen, langes Licht | Ideal — bestes Zeitfenster |
| Juni–September | Heiß (30–35°C), wenig Schatten auf Kämmen | Start vor 7 Uhr, Ende vor Mittag |
| Oktober–November | Mild, noch kein Winterregen | Sehr gut — zweitbestes Fenster |
| Dezember–Februar | Regen, gelegentlicher Schnee, glatter Fels | Möglich, erfordert Vorbereitung |
Das März-bis-Mai-Fenster fällt mit dem Aufblühen der roten Anemonen auf den offenen Hängen der Judäischen Hügel zusammen — besonders eindrucksvoll entlang Etappe 1.
Praktische Logistik
Wasser: 1,5–2 Liter pro Person für jede Etappe mitnehmen — Quellen und Brunnen in den ländlichen Abschnitten sind selten. Kibbuz Ramat Rachel (Etappenende 2) hat Café und Laden.
Unterkunft: Für die vollständige Runde ist das Jerusalemer Zentrum die natürliche Basis. Viele Wanderer übernachten in der Stadt und beginnen jede Etappe vom Hotel aus per ÖPNV.
ÖPNV zu den Startpunkten: Etappe 1 (Yad Vashem) und Etappe 4 (Ammunition Hill) sind mit der Stadtbahn erreichbar. Etappen 2 und 3 erfordern Taxi oder Mietwagen für die ländlichen Startpunkte.
Weitere Informationen: Wandern in Israel · 1 Tag Jerusalem · Tagesausflüge von Jerusalem · Beste Touren in Israel