Simon Wiesenthal ist im deutschsprachigen Raum eine der bekanntesten jüdischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Der Wiener Nazi-Jäger, der Jahrzehnte lang vom Judenplatz aus operierte und dessen Name mit der Dokumentation nationalsozialistischer Verbrechen untrennbar verbunden ist, genießt in Deutschland und Österreich eine historische Bekanntheit, die weit über das anglophone Ausland hinausgeht. Das nach ihm benannte Museum of Tolerance Jerusalem (MOTJ) — die 2023 eröffnete Jerusalemer Filiale des Simon Wiesenthal Centers — trägt dieses Erbe in eine neue institutionelle Form: kein Holocaust-Museum klassischer Prägung, sondern ein Zentrum für Dialog, Menschenwürde und das Nachdenken über Vorurteil und Koexistenz in der Gegenwart.
Das Museum liegt in Westjerusalem, wenige Gehminuten vom Jaffa-Tor und der Mamilla Mall entfernt, nahe dem King-David-Hotel. Die Lage ist programmatisch: In einer der religionsreichsten und politisch komplexesten Städte der Welt ein Haus zu betreiben, das Würde und Zusammenleben in den Mittelpunkt stellt, ist selbst eine Aussage.
Das Museum of Tolerance — Auftrag und Konzept
Das MOTJ versteht sich ausdrücklich nicht als Holocaustmuseum im traditionellen Sinne. Sein Auftrag ist breiter: Es will die universellen Mechanismen von Vorurteil, Ausgrenzung und Hass sichtbar machen — und gleichzeitig positive Gegenmodelle zeigen. Wie bewahren Gemeinschaften ihre Würde unter Druck? Unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen entsteht Diskriminierung — und wie lässt sie sich durchbrechen? Was lehrt die Geschichte über den Umgang mit Verschiedenheit?
Diese Positionierung unterscheidet das MOTJ grundsätzlich von Yad Vashem. Yad Vashem ist Israels nationale Holocaust-Gedenkstätte: historisch in die Tiefe gehend, dokumentarisch, getragen vom Auftrag der Erinnerung und des Zeugnisses der Überlebenden — ein Ort der Trauer und der Würdigung. Das MOTJ ist konzeptuell breiter und stärker auf die Gegenwart ausgerichtet: Es zieht Verbindungslinien von der Geschichte der Verfolgung zu zeitgenössischen Formen von Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen weltweit.
Beide Institutionen schließen sich nicht aus. Besucher, die sowohl Yad Vashem als auch das MOTJ besuchen, berichten von einem tieferen Verständnis beider Häuser — das historische Fundament des einen gibt dem humanistischen Anspruch des anderen mehr Gewicht. Die beiden Museen sind als separate Besuche zu planen; an einem Tag sind sie zwar kombinierbar, aber anstrengend (mehr dazu unter den häufigen Fragen).
Für Reisende aus dem DACH-Raum bietet das MOTJ einen besonders direkten Anknüpfungspunkt. Simon Wiesenthals Biografie ist in Österreich und Deutschland Teil der kollektiven historischen Erinnerung: das Dokumentationszentrum des Bundes in München, die jahrzehntelangen Debatten über die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen, die Wiesenthal-Stellungnahmen der Bundesregierungen zur Verjährungsfrage. Das Jerusalemer Museum trägt dieses Wiener Erbe in einen globalen Kontext — und verleiht ihm eine neue, zukunftsorientierte Gestalt.
Die Ausstellungen
Das Museum erstreckt sich über drei Etagen, die inhaltlich aufeinander aufbauen, aber auch unabhängig voneinander besucht werden können. Digitale Storytelling-Formate und interaktive Stationen prägen alle Ebenen; Überlebendenvideos und dokumentarisches Bildmaterial ergänzen die Installationen.
Holocaustgedächtnis und Koexistenz
Die erste Ausstellungsetage verknüpft die Geschichte des Holocaust mit der Frage, wie Gemeinschaften aus ihr lernen können. Digitale Installationen präsentieren Zeugnisse von Überlebenden nicht nur als Dokumentation, sondern als Einladung zum Dialog mit der Gegenwart. Interaktive Stationen laden Besucher ein, über die gesellschaftlichen Bedingungen nachzudenken, unter denen Verfolgung möglich wird — und welche Strukturen ihr entgegenwirken können. Diese Etage bildet das historische Fundament des Museums, ohne sich auf reine Chronologie zu beschränken.
Interkulturelles Stockwerk
Die zweite Etage widmet sich dem Zusammenleben in diversen Gesellschaften — einem Thema, das in Jerusalem eine besondere Unmittelbarkeit besitzt. Ausstellungsmodule behandeln religiöse Pluralität, ethnische Minderheiten, Migrationsbewegungen und die Bedingungen gelingender Integration. Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen kommen in Bild, Ton und Text zu Wort. Diese Etage ist am deutlichsten auf die Gegenwart ausgerichtet und richtet sich an ein Publikum, das über den israelisch-palästinensischen Kontext hinaus an Fragen gesellschaftlicher Koexistenz interessiert ist.
Kinderflügel
Der pädagogisch konzipierte Kinderflügel ist eigens für Schülerinnen und Schüler sowie Familien mit Kindern entwickelt worden. Altersgerechte Formate — interaktive Stationen, Geschichten, Spielelemente — vermitteln Themen wie Empathie, Fairness und den Umgang mit Verschiedenheit ohne direkte Konfrontation mit schwerem historischen Material. Für Schulgruppen ist der Kinderflügel ein eigenständiger pädagogischer Baustein; ergänzende Programme für Schulen sind über das Museum buchbar.
Planung des Besuchs
Öffnungszeiten: Das Museum öffnet in der Regel Sonntag bis Donnerstag von 9:00 bis 17:00 Uhr, Freitags von 9:00 bis 13:00 Uhr. Samstags (Schabbat) bleibt das Museum geschlossen. Aktuelle Öffnungszeiten — insbesondere an jüdischen Feiertagen — stets auf wiesenthal.com/motj vor dem Besuch bestätigen.
Eintritt: Das Museum erhebt Eintrittspreise im üblichen Rahmen vergleichbarer Institutionen in Jerusalem; ermäßigte Tarife für Studenten, Senioren und Gruppen sind verfügbar. Aktuelle Preise auf wiesenthal.com/motj prüfen. Hinweis: Der israelische Nationalpark-Pass (INPA) gilt hier nicht — das MOTJ ist eine private Institution.
Buchung: Einzelbesucher können in der Regel tagesaktuell buchen; Gruppen und geführte Touren erfordern Voranmeldung. In der Hauptsaison (April–Mai und September–Oktober) wird frühzeitige Buchung empfohlen.
Anreise:
- Stadtbahn: Haltestellen im Bereich Jaffa-Tor / Mamilla liegen in Gehweite des Museums
- Bus: Mehrere Linien halten am Jaffa-Tor; aktuelle Verbindungen auf ravkav.co.il
- Taxi / Rideshare: Vom Stadtzentrum ca. 10–15 Minuten; vom King-David-Hotel fußläufig erreichbar
- Parkplatz: Die Mamilla Mall bietet kostenpflichtiges Parken in unmittelbarer Nähe
Vor Ort: Ein Café und ein Buchshop sind im Museum während der Öffnungszeiten zugänglich. Der Eingang ist barrierefrei gestaltet.
Kombination mit anderen Museumsstätten
Jerusalem bietet eine dichte Konzentration historischer und kultureller Einrichtungen, die sich gut mit dem MOTJ verbinden lassen:
Wer war Simon Wiesenthal?
Simon Wiesenthal wurde 1908 in Buczacz, Galizien, geboren — damals Teil Österreich-Ungarns, heute Ukraine. Er studierte Architektur in Prag und Lemberg. Der Holocaust vernichtete seine Familie; von seinen engsten Verwandten überlebte nur seine Frau Cyla. Wiesenthal selbst durchlebte mehr als ein Dutzend Konzentrations- und Arbeitslager, darunter Janowska, Plaszów und Mauthausen, wo er 1945 befreit wurde.
Nach Kriegsende entschied er sich gegen die Auswanderung und blieb in Wien. Dort gründete er das Jüdische Dokumentationszentrum, das über Jahrzehnte Informationen über NS-Täter sammelte und für zahlreiche Strafverfolgungen entscheidende Hinweise lieferte. Am bekanntesten ist seine Rolle bei der Identifizierung des Aufenthaltsorts von Adolf Eichmann — Hinweise seines Netzwerks trugen dazu bei, dass der Mossad Eichmann 1960 in Buenos Aires verhaftete; 1961 wurde er in Jerusalem vor Gericht gestellt und verurteilt.
Wiesenthal wirkte bis ins hohe Alter in Wien und starb dort 2005. Diese enge Verbindung mit der österreichischen Hauptstadt — dem Herz des ehemaligen Habsburger Reichs und einer Stadt, in der NS-Verstrickung und Aufarbeitung bis heute diskutiert werden — gibt dem deutschsprachigen Raum einen besonders direkten historischen Bezug zu seinem Werk.
Das Simon Wiesenthal Center wurde 1977 in Los Angeles gegründet und betreibt heute mehrere internationale Büros. Das Jerusalemer Museum, das seit 2023 seinen Namen trägt, versteht sich als lebendige Fortführung dieser Arbeit — mit dem Blick nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auf die Herausforderungen von Menschenwürde und Koexistenz in der Gegenwart.